Krakau – Erasmus+ Jobshadowing: Herr Enkirch und Frau Schlaubitz am 8. und 9. April 2024 am Wroblewski-Liceum
Bei bestem Sonnenschein landeten Herr Enkirch und Frau Schlaubitz am 7.4.2024 in Krakau, in Polen. Den Sonntag nutzten wir, um die pittoreske Altstadt ausgiebig zu erlaufen: Einer Partnerschule des Leistungssports angemessen zählte Herr Enkirchs Fittnessuhr am Abend 27.350 Schritte!
Am Montag, den 08.04.2024 wurden wir sehr freundlich von der Schulleiterin Frau Pagacz-Pociask begrüßt und konnten bereits viele Fragen zur Schule und zum polnischen Schulsystem stellen. So erfuhren wir zum Beispiel, dass es in Polen 2018 eine wichtige Schulreform gab, die zur Folge hatte, dass die Grundschule von 6 auf 8 gemeinsame Jahre angepasst wurde. Am Ende dieser Grundschulzeit steht eine zentrale Abschlussprüfung, deren Ergebnis darüber entscheidet, auf welche weiterführende Schule die Kinder danach gehen. Das Gymnasium umfasst vier Schuljahre, die Klassen sind nach unterschiedlichen Schwerpunktfächern zusammengesetzt. Am Ende der vierten Gymnasialklasse stehen die zentralen Abiturprüfungen im Mai.
Das Gymnasium, in dem wir zu Gast waren, das Wroblewski-Liceum in Krakau, ist eine Schule mittlerer Größe (540 Schüler), mittleren Niveaus. Die Schüler bewerben sich online nach Abschluss der Grundschule mit ihren Punkten aus der Abschlussprüfung am Gymnasium. Die Höhe der Punkte der Grundschulabschlussprüfung entscheidet darüber, an welcher Schule die Schüler aufgenommen werden.
Die Schüler wählen Profile für das Gymnasium (z.B. Biologie, Polnisch und erweiterten Fremdsprachunterricht oder Mathematik, Physik und Englisch). Dementsprechend werden Klassen zusammengestellt, sodass auch der Oberstufenunterricht im Klassenverband durchgeführt wird.
Die Klassengröße am Wroblewski-Liceum umfasst in der Regel 28 Schüler. Wobei in manchen Fächern, wie den Fremdsprachen und dem Informatikunterricht, die Gruppen für den Unterricht geteilt werden, sodass sie sehr klein sind.
Jede Klasse hat einen Klassenlehrer, der eine Stunde pro Woche eine Klassenerziehungsstunde durchführt. Für diese Stunde geben die Lehrer zu Beginn des Schuljahres ein von ihnen erstelltes Programm bei der Schulleitung ab, dem sie im Verlauf des Schuljahres folgen. Themen können beispielsweise „Ängste“ oder „Stress“ sein.
Frau Schlaubitz’ Stundenplan zur Hospitation umfasste Deutsch als Fremdsprache, Englisch und Französisch. Herr Enkirch konnte in Mathematik- und Informatikstunden hospitieren.
In Polen beginnen die Schüler bereits im Kindergarten verpflichtend mit Englisch als erster Fremdsprache. Eine zweite Fremdsprache wird in der 7. Und 8. Grundschulklasse unterrichtet. Da die Schüler aber im Gymnasium eine andere Fremdsprache als in der Grundschule als zweite Fremdsprache wählen können, beginnt der Fremdsprachenunterricht der zweiten Fremdsprache am Gymnasium im ersten Lernjahr.
In der Regel wird die zweite Fremdsprache mit zwei Stunden pro Woche unterrichtet, im erweiterten Unterricht mit drei Stunden pro Woche.
Deutsch verliert in Polen als zweite Fremdsprache zunehmend an Bedeutung, obwohl es nach wie vor viele Firmenkooperationen und auch Arbeitsmigration zwischen Polen und Deutschland gibt. Es werden noch Französisch, Italienisch und Spanisch angeboten, wobei Französisch so gut wie keine Rolle mehr spielt. Besonders attraktiv für die Schülerinnen und Schüler sind in den letzten Jahren Spanisch und Italienisch geworden.
Die erste Fremdsprache Englisch wird in Polen ab dem Kindergarten unterrichtet. Am Gymnasium haben die Schüler 3 oder 5 Stunden wöchentlich Englischunterricht und sie sind nach Leistungsniveaus in Gruppen eingeteilt. In der 2. Gymnasialklasse, die unserer 10.Klasse entspricht, gibt es beispielsweise eine Gruppe, die nach Einstufungstest in B1+ Niveau unterrichtet wird sowie eine Gruppe, die in B2 Niveau unterrichtet wird. Jede Fremdsprachengruppe umfasst maximal 15 Schüler. Die Lehrerinnen berichteten, dass die Lernprogression individuell sowie insgesamt in der Gruppe dadurch höher sei, als in großen Gruppen.
Der Fremdsprachenunterricht findet zu großen Teilen von Seiten der Lehrerin in der jeweiligen Fremdsprache statt. Im Unterricht melden sich die Schülerinnen und Schüler in der Regel nicht, sondern werden immer durch die Lehrerin zur Antwort/ Bearbeitung aufgefordert. Arbeitsaufträge sind jedoch in den Lehrwerken stets in Polnisch formuliert. Die Benotung erfolgt sowohl durch schriftliche als auch durch mündliche Leistungen. Um mündliche Noten zu generieren, werden die Schüler zu Beginn der Stunde abgefragt.
Der beobachtete Fremdsprachunterricht wurde grundsätzlich frontal durchgeführt und es handelte sich um Wortschatz bzw. Grammatikerwerbs- und Übungsstunden. Die Schüler wiederholen in Einsetzübungen Neues im Heft, mündlich oder per Handyapp. Dabei ist die Sprachproduktion deutlich gelenkt.
Da insgesamt die Fremdsprachen in der Schule mit relativ wenigen Unterrichtsstunden bedacht sind (2 bzw. 3 Stunden pro Woche in der zweiten Fremdsprache), ist es üblich, dass Schüler im Privaten auch noch Sprachkurse, zum Beispiel am Goethe-Institut in Krakau, belegen.
Auch der Mathematikunterricht findet vor allem in frontaler Form statt. Dabei wird stärker als bei uns ein Schwerpunkt auf das Üben und Anwenden bekannter Formeln gelegt, sodass die Schülerinnen und Schüler vor allem Grundrechenarten und Grundlagen wie das Nutzen von linearen und quadratischen Funktionen und Gleichungen sehr effizient beherrschen. Anders als bei uns wird auf andere Sozialformen wie Partner- oder Gruppenarbeit verzichtet, was den Unterricht ruhiger und zeiteffizienter, aber auch etwas weniger gesellig macht.
Der Informatikunterricht findet in kleinen Gruppen (von ca. 15 Schülerinnen und Schülern) statt. Dabei wird Wert darauf gelegt, dass jeder Person ein eigener Rechner zum individuellen Arbeiten zur Verfügung steht. Stark unterscheidet sich jedoch die Anzahl an Wochenstunden. Während in unseren Oberstufenkursen Informatik mit 3 Wochenstunden unterrichtet wird, ist es in Polen nur eine Wochenstunde. Das führt dazu, dass sich der Unterricht thematisch doch stark unterscheidet (stärkerer Fokus auf die Nutzung von Software-Anwendungen, weniger theoretischer Hintergrund) und bei den Themen weniger in die Tiefe gegangen werden kann.
Die Lehrer unterrichten in Polen grundsätzlich nur ein Fach, es ist aber möglich, über eine Zusatzqualifikation noch ein zweites Fach dazu zu studieren. Das volle Deputat umfasst 18 Stunden pro Woche. Die Unterrichtsstunden dauern wie bei uns 45 Minuten.
Die Lehrergehälter sind in Polen derart niedrig, dass viele Lehrer an zwei Schulen arbeiten, über das volle Deputat hinaus mehr Stunden als bezahlte Mehrarbeit an ihrer Schule ableisten oder noch andere Jobs haben. In der Regel ergreifen nur sehr wenige Männer den Lehrberuf. Auch die Einstellung von qualifiziertem Personal in Fächern wie Informatik gestaltet sich schwierig, da in der Industrie deutlich (!) höhere Gehälter gezahlt werden.
Sowohl Kollegen als auch Schüler haben wir im Unterricht als sehr diszipliniert wahrgenommen.
Kinder mit Migrationshintergrund sind in geringer Anzahl vorhanden und kommen aus Belarus oder der Ukraine. Diejenigen, die erfolgreich im regulären Unterricht beschult werden, hatten jedoch schon vor Einreise Grundkenntnisse in der polnischen Sprache.
Zu Beginn des Ukrainekrieges und der daraus resultierenden Flüchtlingsbewegung wurden an polnischen Schulen auch Intensivkurse in Polnisch (z.B. 18 Stunden die Woche) für die geflüchteten Kinder angeboten. Grundsätzlich haben die Kinder schnell und gut Polnisch gelernt, sofern die Familien vorhatten in Polen zu bleiben. War dies nicht der Fall, haben sie inzwischen die polnischen Schulen häufig auch schon wieder verlassen.










